Sein Wissen war ´ne Wucht: Bye bye, Phil Hill!

Mehr als er wusste wohl keiner. Nie habe ich einen Menschen kennengelernt, der über so viel wissen verfügte wie er.
Philipp Andrew Hill ist am Montag (22. Dezember) in Berlin gestorben. Geboren wurde er am 10. Dezember 1949 in Paris.
Seine Kindheit verbrachte der US-Amerikaner teilweise in Deutschland und der Schweiz. Sein Vater war Journalist beim US-Propagandasender „Radio Free Europe“. In Hamburg und München sowie im Internat an der Odenwaldschule in der Schweiz lernte Hill Deutsch und Französisch.
1967 erlebte der 18-jährige Schulabgänger den schlimmsten Einschnitt in sein Leben: Gemeinsam mit einer ganzen Generation gleichaltriger junger Männer musste er in den Vietnamkrieg ziehen. Vom behüteten Leben im Elternhaus und an der Schule marschierten die jungen Leute direkt in die Hölle.
Wegen seiner Sprachbegabung wurde Hill in Vietnam als Dolmetscher eingesetzt. Nachdem er Vietnamesisch gelernt hatte, musste er Kriegsgefangene verhören. Auch wenn er es nie direkt gesagt hat, wurden bei den Verhören dort wahrscheinlich auch üble Foltermethoden eingesetzt.
Irgendwann hat der junge Soldat seinen Job nicht mehr ertragen: Er erkrankte und wurde in ein Lazarett im benachbarten Korea gebracht. Um sich mit den Krankenschwestern unterhalten zu können, lernte er nun auch Koreanisch.
Nach Kriegsende gründete Hill gemeinsam mit anderen Leidensgefährten die Friedensgruppe „Vietnam Veterans against War“. Sie kämpfte gegen den Krieg im Allgemeinen und für die gesundheitliche Rehabilitierung der Kriegsveteranen beispielsweise nach Schäden durch den Einsatz des Giftgases „Agent Orange“.
Fünf Jahre lang hat Hill im Rahmen seines Engagements an einem Projekt der „Vietnam Veterans against War“ in Hiroshima mitgewirkt. Dort betrieb die US-Army eine Militärbasis, ohne die Soldaten über die besondere Geschichte aufzuklären, die die Vereinigten Staaten von Amerika (USA) mit Hiroshima verbindet.
Am 6. August 1945 hatten USS-Bomber die Atombombe „Little Boy“ auf Hiroshima abgeworfen. Drei Tage später folgte eine zweite Atombombe auf die japanische Stadt Nagasaki. Hundertausende japanischer Zivilisten wurden bestialisch ermordet.
Von alledem wussten viele GIs in der US-Militärbasis in Hiroshima nichts, berichtete Hill mir mehrmals. Wenn freitags Zahltag war, verkaufte er den Soldaten Zeitungen, in denen die Friedensgruppe die jungen Amerikaner über diese Geschichte informierte.
Nachdem Hill so auch Japanisch gelernt hatte, eignete er sich selbst auch noch die holländische Sprache an. Chinesische Schriftzeichen konnte er auch teilweise lesen.
Seinen „Philosophical Doctor“ (PHD) machte Hill mit einer Arbeit über das Aufkommen der Grünen Partei in Deutschland. Dafür zog er nach Hamburg, wo er sich mit den Schriften und der Praxis der aufkommenden neuen Bewegung beschäftigte.
Eine Stiftung hatte ihm nicht nur den Aufenthalt finanziert, sondern auch einen Assistenten und Übersetzer. Offenbar ging sie davon aus, dass die meisten US-Amerikaner keine Fremdsprachen beherrschen.
Als seinen Mitarbeiter heuerte Hill den späteren Grünen-Spitzenpolitiker Thomas Ebermann an. „Langer“- wie Ebermann wegen seiner Körpergröße auch genannt wurde – führte seinen amerikanischen Arbeitgeber in die Partei und die linksalternativen Kreise in Deutschland ein.
Nach seiner Promotion betätigte sich Hill in der Gruppe „US-Eurolinks“. Diese Gruppe bestand aus US-Bürgerinnen und Bürgern sowie Deutschen. Ihr Ziel war die Vermittlung von Kontakten zwischen „Linken“ in den USA und Europa.
Im Rahmen dieser Arbeit habe ich Phil Hill kennengelernt. Erstmals traf ich ihn im Sommer 1984 bei einem Friedenskongress in Fulda. Wenige Wochen später besuchte ich ihn in Washington, wo ich eine Vortragsreise durch die USA startete.
Das „Fulda Gap“ war mein Thema. Nach der US-Militärdoktrin „Airlandbattle“ sollte Osthessen das Aufmarschgebiet eines möglichen 3. Weltkriegs werden. Dagegen protestierten die Osthessischen Friedensinitiativen und Die Grünen mit einer Großdemonstration im Herbst 1984 auf dem Fuldaer Domplatz.
Im den USA diskutierte ich darüber mit interessierten Bürgerinnen und Bürgern. Im Oktober 1984 kam Phil dann mit einer Gruppe weiterer Vietnam-Veteranen sowie dem „Nuclear Veteran“ Anthony Guarisco zur Demo auf den Domplatz in Fulda. Vor 30.000 Demonstrierenden hielt die Schriftstellerin Luise Rinser dort die Hauptrede.
Seither habe ich Phil Hill immer wieder gesehen. Schon in den 80er Jahren zog er nach Deutschland, wo wir weiterhin Kontakt pflegten und unsere Freundschaft immer weiter vertieften.
Phil lebte in Bonn, in Gießen und zeitweilig auch in Marburg, bevor er zur Wendezeit nach Berlin zog. Dabei bevorzugten er und seine Lebensgefährtin den Prenzlauer Berg, wo sie schließlich eine Wohnung unweit des Kollwitzplatzes erwarben.
Seinen Lebensunterhalt verdiente Hill als Journalist und vor allem als Übersetzer. Regelmäßig führte er in Berlin auch Alternative Stadtrundgänge auf Japanisch durch.
Besonderes Augenmerk widmete er der Varus-Schlacht im Jahr 9 nach Christus. Intensiv forschte er nach Details über diese Schlacht, in der der Germane Arminius die weit überlegene römische Armee vernichtend schlug.
Politisch aktiv war Hill bei den Grünen, wo er sich vor allem um Internationale Politik kümmerte. Sich selbst sah er als Vertreter des linken Parteiflügels.
Neben seinen außergewöhnlichen Sprachkenntnissen verfügte Hill auch über ein einmaliges historisches, politisches und soziales Wissen. Keinen habe ich kennengelernt, der sich in deutscher Geschichte besser auskannte als er. Dabei war die US-Geschichte ihm aber wohl noch viel näher und auch die Politik Afrikas, Asiens und des Nahen Ostens nicht fremd.
So viel Wissen in diesem großen Kopf Platz hatte, so viel Freundlichkeit prägte sein Herz. Dabei konnte er allerdings auch sehr böse amerikanisch fluchen.
Phil war ein liebenswerter Chaot. Er war ein außergewöhnlich gebildeter Mensch, der sein Wissen aber stets teilte. Vor allem aber war Phil Hill ein Freund, der mich 30 Jahre lang auf meinem Lebensweg begleitet hat.

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5 Kommentare zu “Sein Wissen war ´ne Wucht: Bye bye, Phil Hill!

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  2. Danke für den schönen Text, sowohl im ´Namen meiner Mutter (Gabriele) als auch von mir. Anita (Tochter von Gabriele)
    Opa Bär wird jetzt schon sehr vermisst.

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