Geerbte Haltung: Erinnerungen an Gudula und Günter Hanke

Je länger ich darüber nachdenke, desto genauer erkenne ich die Traumata meiner Eltern auch bei mir. Krieg, Hunger und die Angst davor haben meinen Vater und meine Mutter geprägt.
Geboren wurde meine Mutter am 31. Januar 1931 in Rheinbach bei Bonn. Heute wäre Gudula #Hanke 90 Jahre alt geworden. Acht Kinder hat die Tochter des Postbeamten Josef Esser aus Rheinbach groß gezogen.
Meine Erinnerungen an meine Mutter durchzieht tiefe Scham, dass ich ihr niemals zurückgeben konnte, was sie ihrer Familie gegeben hat. Doch gleichzeitig ist da auch meine große Freude über ihren Mutterwitz und ihren rheinischen Frohsinn. Schließlich denke ich aber auch an ihre manische Angst vor Hunger und Not.
Als #Kriegskind kannte sie #Hunger und #Not aus Erfahrung. Eine ausufernde Vorratshaltung war für sie existenziell. „Man weiß ja nie, wozu man´s noch braucht“, erklärte sie immer.
Auch mein Vater legte Wert auf einen gewissen Vorrat an Lebensmitteln. Einen Vorratsraum im Keller füllte er regelmäßig mit EPas, Panzerplatten und Tubenmarmelade auf. In den Jahren des Mangels hatte er sich das Rauchen angewöhnt, um damit seinen unbändigen Hunger zu betäuben.
Günger Hanke wurde 1927 in Danzig geboren. Den Kriegsbeginn mit dem Sturm auf die Westerplatte am 1. September 1939 hat er als Zwölfjähriger miterlebt. Davon berichtete er mir ebenso wie von seinem Schulkameraden Horst Ehmke und den Prügeln, die er als Einziger an der Schule bezog, der nicht in der Hitler-Jugend mitmachte.
Als Vertriebenenfunktionär und wertkonservativer CDU-Anhänger setzte er sich entschieden für Demokratie und gegen alle Formen von Faschismus ein. Als Landesvorsitzender im Bund der Vertriebenen Nordrhein-Westfalen grenzte er sich und seinen Verband klar von der Partei „Republikaner“ ab. Damit passt er kaum in das Schwarz-Weiß-Schema vieler Antifaschisten, die mir oft sehr viel weniger konsequent erscheinen als er.
All das hat tiefe Spuren in mir hinterlassen. Politisches und gesellschaftliches Engagement – wie es mir meine Eltern beide vorgelebt haben – ist für mich ebenso selbstverständlich wie Solidarität und die Furcht vor Hunger und Krieg. Das kritische Hinterfragen plumper Parolen habe ich von ihnen gelernt wie auch von hervorragenden Lehrern, die ich an der St.-Laurentius-Schule in Lessenich und am Helmholtz-Gymnasium Bonn hatte.
Die Verteufelung Andersdenkender, anders aussehender oder anders lebender Menschen ist schon der erste gefährliche Schritt weg von der Demokratie hin zur Diktatur. „Demokratie muss immer wieder von Neuem erkämpft werden“, sagten mein Vater und mein Geschichtslehrer. Wenn ich Rassismus und Menschenverachtung beobachte, dann werde ich unruhig und unleidlich.
Die Geschichte ist ein ständiges Auf und Ab. Am Ende geht es – getreu dem Motto der Echternacher Springprozession – dann doch immer wieder „zwei Schritte vorwärts und einen zurück“. Gemeinsam mit allen, denen die Mitmenschlichkeit am Herzen liegt, möchte ich im Andenken an meine Eltern und die vielen anderen engagierten Kämpferinnen und Kämpfer für demokratischen Fortschritt daran arbeitet, dass die beiden Schritte nach vorn immer zwei besonders große und nachhaltige Schritte werden.