Ihre Wahrheit ist Berührung: Besuch beim deutschen Taubblindenwerk

foto:gerhardDie erwachsenen Taubblinden Gerhard (links) und Ludwig unterhalten sich im Taubblindenzentrum in Hannover über die Taubblindensprache „Lormen“ miteinander. (Foto: Rainer Wohlfahrt)

Fast eine halbe Stunde sitze ich so mit Hendrik und entspanne mich dabei. Ich freue mich über sein Vertrauen, seine Wärme und drei oder vier kurze Freudenschreie, die er zwischendurch ablässt. Manchmal grummelt er auch behaglich.

Leider müssen Rainer und ich weiter; denn auch heute essen wir mit Kerstin Trester-Betka zu Mittag. Gerührt verabschiede ich mich von Hendrik, der lange meine Hand schüttelt.

Nach dem Mittagessen gehen wir zu Haus 1, wo die besonders stark behinderten Bewohner zusammenleben. Um 15 Uhr fährt uns ein Zivildienstleistender zum Bahnhof in Hameln. Von dort fahren Rainer und ich per Bahn zu mir nach Hause. Am nächsten Morgen wollen wir früh nach Hannover zur Zentrale des Deutschen Taubblindenwerks aufbrechen.

Der ICE hat eine Dreiviertelstunde Verspätung. Unsere Laune ist miserabel, weil wir extra aus dem InterRegio ausgestiegen waren, um den schnelleren Zug zu nehmen, nun aber doch später in Hannover ankommen.

Im Taubblindenzentrum begrüßt uns Wolfgang Angermann. Seit einem Jahr ist der blinde Jurist Geschäftsführer des Deutschen Taubblindenwerks. Es ist als gemeinnützige GmbH organisiert, erklärt er uns. Gesellschafter sind der Deutsche Blindenverband, der Blindenverband Niedersachsen und der Deutsche Paritätische Wohlfahrtsverband.

Während unseres Gesprächs gesellt sich Dietrich Bunk zu unserer Runde. Er vereinbart mit mir ein ausführlicheres Interview für den folgenden Morgen.

Das Taubblindenzentrum in Hannover ist viel größer als die Dependance in Fischbeck. Lange Gänge verbinden die Häuser der einzelnen Wohngruppen mit dem Verwaltungstrakt in der Mitte. Alle Gebäude sind im rechten Winkel oder parallel zueinander angeordnet, so dass sie fast eine Art Schachbrettmuster bilden.

Unser erster Weg führt uns in die Jugendlichen-Gruppe „JUG1“. Dort arbeitet Petra Stellmacher. Die Erziehungshelferin ist selbst taubblind und hat vor 18 Jahren ihren einstigen Ausbildungsort zu ihrem Arbeitsplatz gemacht.

Die Erzieherin Ulla Kampmann lormt meine Fragen in Petras Hand. Als sie zwischendurch den Raum verlässt, sitze ich mit Frau Stellmacher allein. Ich kann nicht lormen, möchte ihr aber eine Frage stellen. Da greift sie mit der Hand nach meiner Kinnlade, setzt Daumen und Zeigefinger an die Gelenke unterhalb der Ohren und hält die Hand dicht ans Kinn. Alles, was ich nun sage, wiederholt sie in ihrer schwer verständlichen Sprache, in die ich mich jedoch nach und nach einhöre. „Ich habe Claudias Mutter das Lormen beigebracht“, berichtet sie mir stolz. Ich verstehe, dass sie das auch als Angebot an mich meint.

Ulla Kampmann ist zurückgekommen, außerdem noch ihre Kollegin Anna Fröhlich. Als Rainer ihr seine Fotos zeigt, erkennt Ulla auf einigen Fischbecker Aufnahmen drei ihrer ehemaligen Schützlinge wieder. Bereits dreimal war sie in ihrer Freizeit in Fischbeck, um ihre Ehemaligen dort zu besuchen.

Als ihre Kolleginnen gemeinsam mit der Gruppe das Mittagessen einnehmen, organisiert Fröhlich auch für Rainer und mich ein Essen. Sie ist Sonderschullehrerin. In den Wohngruppen arbeiten Lehrer, Erzieher und Erziehungshelfer gemeinsam. Als Außenstehender kann ich nicht feststellen, wer hier welche Funktion oder Vorbildung hat.

Am Abend besuchen wir Jürgen Schreier in der Rehabilitationsabteilung. Hier werden diejenigen Personen geschult, die kürzlich erblindet oder ertaubt sind und nun mit der Doppelbehinderung umgehen lernen müssen. Eine häufige Ursache hierfür ist das so genannte „Usher-Syndrom“: Die Menschen werden taub geboren und erblinden im Laufe ihres Lebens an der Stoffwechselstörung RP. Diese „Retinopathia Pigmentosa“ habe auch ich. Die Stäbchen und Zäpfchen der Netzhaut sterben im Jugendalter allmählich ab, bis das Sehvermögen nur mehr die Wahrnehmung von Licht und Dunkelheit zulässt. Schreier erzählt von einigen Lebensläufen: Eine taubblinde Frau hat ihren Zivildienstleistenden geheiratet und lebt nun mit ihm in eigener Wohnung in Hamburg; ein taubblinder Mann hat mit der Bewegungstherapeutin in der Nähe von Hannover einen Bauernhof bezogen, wo seine Frau therapeutisches Reiten anbietet.

2 Kommentare zu “Ihre Wahrheit ist Berührung: Besuch beim deutschen Taubblindenwerk

  1. Pingback: Wie interviewt man Taubblinde: Nur keine Berührungsängste! | Franz-Josef Hanke

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